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Süddeutsche Zeitung, 23.5.69   Siegfried Schober, Detektive und Ihre Kinoabenteuer
Aus einem Blog nach der Veröffentlichung Im Juni 2007 auf DVD


DETEKTIVE UND IHRE KINOABENTEUER
Uraufführung eines Films von Rudolf Thome im Münchner Lenbachkino

Siegfried Schober
Süddeutsche Zeitung
23.5.69
Ein Film, der wichtig ist, der schön ist, der ernst ist, der spielerisch ist, der anmutig ist, der radikal ist - so kann man nur von einem Film sprechen, der, wie der Film "Detektive" von Rudolf Thome eine Menge zu tun hat mit dem, was man selber tut und erlebt und tun und erleben könnte. Ein Film, der das Kino zu einem Ort macht, wo es Vergnügungen und Klarheiten gibt, die so sehr Kino sind, daß man nicht mehr merkt, daß man im Kino ist; wo Erfahrungen und Empfindungen zu machen sind, die einen die Wirklichkeit draußen nicht aus den Augen verlieren lassen und die Augen nicht an die Wirklichkeit drinnen; wo man spürt, daß dieser Film nicht auf Bilder zielt, sondern mit ihnen auf die Realität, und wo einem schließlich bewußt wird, daß dieser Film aus dem Leben kommt und übers Kino wieder dorthin führt.

Solche Filme sind selten, und solche Filme sind immer wieder neu, was stets sehr erstaunt, weil sie gar nicht groß daherkommen. Aber sie sind wie "Detektive” gerade darum groß und wertvoll, weil sie so wenig Schau machen und so unglaublich viel zeigen, was man sonst nie zu sehen bekommt. Solche Filme brauchen wir - dringend, so dringend wie wir helle Wohnungen und eine entrümpelte Politik brauchen. Was nützt die ganze Schönheit, wenn sie nichts nützt, was das schönste Spiel, wenn es nicht wirklich ist?
Warum Fehler gemacht werden

Eine Antwort darauf probieren die Leute in Thomes Film kurzerhand mal aus, so anmutig wie radikal, kein Wunder, daß es dabei dann ganz schön ernst wird. Da sind zwei junge Typen namens Andy und Sebastian, die wollen schnell und bequem zu Geld kommen, ohne richtig arbeiten zu müssen. Arbeiten schon, aber so, daß es Spaß macht, das Geld zu verdienen, das man braucht, um seinen Spaß zu haben. Weil sie wahrscheinlich viel im Kino waren, machen sie eine Detektivagentur auf, und ihr erster Fall ist gleich ein schönes Mädchen, das Annabella heißt.

Nun läuft die Geschichte, aber so, daß einer immer über die Füße des anderen fällt. Die Detektive stehen und rennen, wenn sie nicht gerade Auto fahren oder Liebe machen, viel in der Gegend herum, reden dummes Zeug und machen einen Fehler nach dem anderen. Warum eigentlich? Wie das so passiert, man rutscht von einer Geschichte in die andere, vermutet dort eine Chance und hier eine Hinterlist und handelt und handelt und merkt gar nicht, daß ein paar andere Leute dasselbe tun. Intrigen, Hintergedanken, halbe Wahrheiten, die Tücken der Realität, daß das, was man sieht, nicht immer das ist, was wirklich geschieht, - das sind so einige Sachen, die die Detektive als Akteure und wir als Zuschauer in diesem Film erleben.

Zwei ältere Gegenspieler der Detektive zum Beispiel merken nicht, daß das Spiel, das sie mit den Detektiven spielen wollen, daß die Vorstellungen, die sie hartnäckig im Kopf haben, von banalen, aber recht konkreten Ereignissen in ihrer nächsten Umgebung dauernd verdreht oder gar außer Kurs gesetzt werden, und das genau kostet sie dann das Leben. Wer die Augen nicht offenhält, kommt leicht unter die Räder. Die Detektive kommen gerade noch mit heiler Haut davon und bekommen keine von den Kugeln aus dem Revolver und der Winchester ab, mit denen dauernd jemand herumfuchtelt oder droht, weil sie das Talent und den Instinkt haben, im Rhythmus dessen, was tatsächlich um sie herum passiert, zu bleiben. Sie verlieren nicht die Nerven, das zu sehen, was wirklich los ist in ihrer vertrackten Geschichte und mit den Mädchen, die so etwas wie die geheimen Drahtzieher der ganzen Verwirrung sind. Schöne Mädchen sind keine Gegenstände

Die Mädchen heißen Annabella, Christa und Micky und bringen alles durcheinander, was in diesem Film einen geraden Weg gehen wollte Einer der Detektive, Sebastian, hat einen alten Industriellen aufgetan, der einen Fall für ihn hat, ein Mädchen, und von dem er eine schöne Summe Geld glaubt ergaunern zu können. Seinem Partner Andy unterschlägt er das Geschäft, doch der versucht, das Ding andersherum in den Griff zu bekommen, und so sind die Detektive vollauf damit beschäftigt, sich gegenseitig hereinzulegen. Der alte Mann hat allerdings auch ein krummes Ding vor und das Mädchen ebenso und die anderen Mädchen mischen kräftig mit, solange bis es knallt. Da helfen sich die Detektive, die einander sehr böse waren, wieder, werden im Augenblick der Gefahr wie in einer Oper wieder die alten großen Freunde, haben dem Alten das Geld abgenommen, zwei andere Konkurrenten ausgeschaltet und verschwinden mit den drei Schönen vom Schauplatz ihres gar nicht großartigen Abenteuers.

Von der nützlichkeit der Verstörung

Wichtig,an diesem Abenteuer ist nicht so sehr die Geschichte, sie ist nur ein Weg, der zu überraschenden Abenteuern des Sehens führt, das ist wichtig. Nicht was diese Geschichte bedeutet zählt, sondern was sie zeigt und vermittelt. Die schönen Mädchen zum Beispiel gehören zu den Qualitäten des Films, weil sie nicht Gegenstände sind, wie das bei den meisten Filmen der Fall ist, sondern wirkliche Mitspieler, die sich frei und physisch präsent bewegen. Thomes Film ist vor allem ein Film, in dem Menschen, Gesten, Handlungen, Worte, Licht und Bewegungen für sich selbst zu entdecken sind. Es ist ein ganz natürliches Kalkül, das diesen Film trägt. Denken und Machen funktionieren da in einem Zug, nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten, im selben Rhythmus: Leben, Kino, Kino, Leben.

Das macht diesen Film so selbstverständlich schön und klar. Was seine Autoren und Mitspieler taten, war, ein Konzentrat, eine Abstraktion ihrer eigenen Existenz auf Film zu fixieren; aus Teilen ihrer persönlichen Welt, Traum und Wirklichkeit, etwas aufs Kino hin zu konstruieren; dort im Film eine Art exakte Definition zu versuchen, die aus dem Zusammenspiel von Leben, Filmemachen und Filmesehen eine neue Realität schafft, die der fertige Film dann selber ist und die zugleich die persönliche Welt, von der alles ausging, die sie auch beim Zuschauer tief treffen kann, deutlicher und durchsichtiger macht.

Thome zeigt, was er gern sieht, und er zeigt es, wie er es sieht, ganz frei, als wäre es zum erstenmal, und das gibt seinem Film seinen eigentümlichen Charme und Ernst. Dem Film ist anzusehen, daß der, der mit ihm etwas zeigt, sich bewußt war, daß er etwas zeigt und wie er es zeigt. Er lehrt, daß "die genaueste Künstlichkeit zu strengster Anmut führt", wie es Peter Handke einmal formuliert hat. Die Faktizität des Psychischen und die Schönheit des Physischen, präzise Naivität, berechnete Aktion, intensive Banalität und praktische Phantasie, Informationen über das, was Leute sehen, tun und fühlen - darin besteht der persönliche Realismus Rudolf Thomes, von daher rührt, es, daß sein Film derart stark und unmittelbar wirkt. Er ist neu in jedem Sinn, auch wenn er einem ganz alltäglich vorkommt, weil er auf Dinge aufmerksam macht, die wir draußen leicht übersehen, weil wir jetzt plötzlich feststellen, daß wir sie schon gesehen haben, aber in den freien Blick beeinträchtigenden Zusammenhängen. Rudolf Thomes Film "Detektive" kann so für den Zuschauer, der ins Kino geht, um vor allem etwas zu sehen, eine nützliche Verstörung und schöne Befreiung sein.




Aus einem Blog nach der Veröffentlichung im Juni 2007 auf DVD




Plötzlich ist er da: Dieser Hauch des großen Kinos, von Hollywood, dem klassischen, wo das seinerzeit gegenwärtige sich schon auf dem besten Weg in die Krise befand. Detektive, Rudolf Thomes Debüt, ein funkelnd-brillanter, im steten Tempo überraschender, mal brüllend komischer, mal in genialen Dilletantismus entrückter Film, erträumt sich selbt ein "Mollywood", ein Hollywood, das in München, genauer: Schwabing, liegt. Eine Vision in schwarzweiß und Cinemascope, unterlegt mit coolstem Jazz, die man als reinstes Kinoglück gesehen haben muss.


Wie hier plötzlich alles sitzt, wie alles Bequemliche und Stickig-Gemütliche des deutschen Opakinos ohne viel Aufhebens einfach entsorgt wird, und etwas Modernes Einzug erhält, ohne aber sich dem Hyper-Intellektualismus - ganz im Gegenteil - zu ergeben, das alles lässt für einen Moment die Sackgassen und Irrwege der deutschen Nachkriegs-Filmgeschichte vergessen. Detektive, das ist die Liebe zum amerikanischen Kino durch die französische Brille, ein Taktschlag in einer filmhistorischen Kette, die von Humphrey Bogart zu Jean-Paul Belmondo und schließlich zum, wie stets, durch sein Nichtspiel faszinierenden Marquard Bohm reicht, der - soviel steht für mich nach Detektive, Rote Sonne und Deadlock fest - der eigentliche große Star des bundesrepublikanischen Kinos ist, dessen Geschichte allerdings noch geborgen werden muss. Doch von der jungen Iris Berben, Uli Lommel, dem deutschen Alain Delon, und, natürlich, von Uschi Obermaier (im Vorspann "Chrissi Malberg") ist mindestens ebenso zu reden. Das Mehr, das sich ergibt, wenn sich all diese dem großartigen Drehbuch von Max Zihlmann überantworten, ist, gelinde gesagt, von ganz exquisiter Qualität.


[Exkurs: Eine ganz seltsame Geschichte scheint mir bei näherer Betrachtung von dessen imdb-Profil die Filmografie von Uli Lommel zu sein. Vor allem als Regisseur offenbar völlig mißratener, am Stück hintereinander auf den Markt geschmissener Video-Horrorfilme, deren imdb-Votes selten die 1,5 übersteigen (was, angesichts der Schmerzbefreitheit zahlreicher Horrorfilm-Geeks, einiges aussagt), trat er zuletzt in Erscheinung. Doch auch schon in den späten 70ern und vor allem in den 80er Jahren drehte er offenbar Delirantes für die unteren Regale der hinteren Videothekenecken und blieb dabei immer, und man möchte fast sagen: in alter italienischer Tradition, den Vorgaben der jeweils populären Großfilme verbunden. Ich will's mir erst gar nicht vorstellen, was sich in diesem filmhistorischen Orkus nicht noch an, wohl kaum guten, aber vielleicht hübsch verqueren Abstrusitäten bergen ließe!]
Detektive verhehlt kaum, dass es um das, um was es geht, im Endeffekt nicht geht. Wichtiger als der von Zihlmann zwar fein ziselierte Krimiplot - Geldknappheit, reicher Großbürger, schöne Frauen, eine Lebensversicherung, ein wenig Gift und noch zwei, drei Intrigen - , sind die Szenen je für sich, der Moment, das Detail; die Story entfaltet sich fast nebenher, bleibt oft genug insofern egal, dass an ihr der Filmgenuss kaum hängt. Gut abgeschaut vom großen Kino von Übersee ist hingegen die Relevanz der kleinen Geste: ein nervöser Augenaufschlag, ein Zucken in den Gliedern, bevor eine Bewegung stattfindet, ein geworfenes Gewehr, die Lässigkeit eines offenen Hemdknopfes und ein rüde weggefegter von einer schönen Frauenrundung weggefegter Arm. Im an wunderbaren Anekdoten reichen Bonusmaterial des tollen DVD-Sets von Kinowelt fasst Iris Berben - und sichtlich fasziniert - Detektive als Film mit "vielen schönen Frauen und unglaublich lässigen Männern" punktgenau zusammen; das Diktum, dass man für einen Film lediglich eine Waffe und eine Frau benötige - stammt es aus Frankreich, war das Godard? -, wird von Detektive mit aller Coolness dieser Welt noch um zwei Männer, ein Gewehr und ein paar Gläser Whiskey ergänzt.
Eine schiere Freude auch die Montage des Films. Ob's die Unbekümmertheit Thomes war, die wilde Entstehungsgeschichte des Films - vom fast zweieinhalbstündigen Rohschnitt musste auf knapp unter 90 Minuten runtergekürzt werden, die Auflage, noch eine publikumswirksame Sexszene mit der Obermaier nachzudrehen, konnte Thome abwenden - oder vielleicht wirklich eine von der Muse geküsste Strategie, lässt sich kaum mit Sicherheit entscheiden. Jedenfalls sind ihre Ellipsen und Dynamisierungen von einer seinerzeit im deutschen Kino kaum geahnten Modernität (und dass sie eben doch auch französisch im Hinblick auf das Amerikanische wirken, lässt auf eine bewusste Montage zumindest hoffen). Der brillanteste Moment: Uli Lommel legt sich zur nackten Iris Berben ins Bett, Schnitt aufs andere Bett, wo sich Bohm und Obermaier befinden, sowie der reichlich lächerliche Busse (gespielt von Peter Moland) als dritter im Bunde am Rande. Jemand klingelt draußen an der Tür und es dauert lange, bis sich Bohm aufgerappelt hat, um nachzusehen. Zur völligen Überraschung steht dann da die Berben vor der Tür und kommt mit Brötchen rein. Wie noch um die zum Brüllen komische Absurdität dieser wundervoll im vermeintlich perspektivischen Umschnitt camouflierten Ellipse zu unterstreichen, fragt Bohm sie gleich darauf, wo denn bitte Lommel sei. Der ist, so Berben dann, schon vor einer Weile gegangen.
Detektive ist voll von solchen kleinen, wundervollen Momenten, ihnen nachzuspüren, macht eine ungemeine Freude. In ihm liegt eine Utopie, die sich aus der ehrlichen Liebe zum großen Kino einer damals eigentlich schon vergangenen Zeit speist (was ihn auf merkwürdige Weise in die Nähe zu Tarantino rückt, dem dieser Film, so dachte ich es mir wenigstens gelegentlich, sicher gut gefallen würde), eine Utopie, die sich in der deutschen Filmindustrie schließlich kaum verwirklichen ließ. Detektive lässt sich somit auch als Fenster begreifen, durch das man Blicke auf ein Kino späterhin nicht genutzter Möglichkeiten werfen kann. Zu hoffen bleibt, dass diese schöne DVD nachrückende Generationen hinreichend inspiriert, um sich der Schmockigkeit des deutschen Qualitätsfilms endlich zu entledigen; noch steht ja beispielsweise der erste richtige Genrefilm der so genannten "Berliner Schule" aus und zu erwarten.


Vemutlicher Autor Thomas Groh